Das Wichtigste in Kürze
- Mindestbreite jedes Rettungswegteils: 1,20 m; die engste Stelle zählt.
- Im Freien: 1,20 m je 600 Besucher; in geschlossenen Räumen: 1,20 m je 200.
- Für Stehflächen rechnet die MVStättVO mit 2 Besuchern je m².
- Feuerwehrzufahrten brauchen nach Muster-Richtlinie mindestens 3,00 m lichte Breite und 3,50 m lichte Höhe.
- Fluchtwege sind kein Planungsthema allein: Kontrollgänge im Betrieb gehören ins Sicherheitskonzept.
Inhalt9
- 01Die Formel: 1,20 m je 600 Besucher
- 02Wann die Verordnung gilt und was die Behörde draufsetzt
- 03Vom Bühnengraben bis zur öffentlichen Straße
- 04Tore im Zaun: Fluchttore richtig planen
- 05Kennzeichnung und Beleuchtung
- 06Freihalten im Betrieb: Kontrollgänge und typische Blockaden
- 07Beispielrechnung Rettungswegbreite
- 08Checkliste Fluchtwege Open Air
- 09Häufige Fragen
Die Formel: 1,20 m je 600 Besucher
§ 7 MVStättVO regelt die Bemessung der Rettungswege. Für dich als Planer heißt das:
- Jeder Teil eines Rettungswegs muss eine lichte Breite von mindestens 1,20 m haben. Maßgeblich ist die engste Stelle, also auch der Durchgang zwischen Bauzaun und Toilettenwagen.
- Die Gesamtbreite bemisst sich nach den Personen, die auf den Weg angewiesen sind: 1,20 m je 600 Personen bei Versammlungsstätten im Freien und Sportstadien, 1,20 m je 200 Personen bei anderen Versammlungsstätten.
- Die Besucherzahl ergibt sich aus der Fläche: Für Stehplätze rechnet die MVStättVO mit 2 Besuchern je m², für Sitzplätze in Reihen ebenfalls mit 2 je m², für Sitzplätze an Tischen mit 1 je m².
Der Unterschied zwischen drinnen und draußen ist erheblich: Im Freien verteilt sich das Publikum in alle Richtungen und Rauch zieht ab, deshalb genügt ein Drittel der Breite. Das gilt aber nur für die Wege aus dem Besucherbereich unter freiem Himmel, nicht für Zelte oder überdachte Bereiche, die als eigener Raum betrachtet werden können.
Wann die Verordnung gilt und was die Behörde draufsetzt
Die MVStättVO erfasst Versammlungsstätten im Freien mit Szenenflächen, deren Besucherbereich mehr als 1.000 Besucher fasst und ganz oder teilweise aus baulichen Anlagen besteht, etwa Bühnen oder Tribünen als Fliegende Bauten. Sie ist ein Muster; verbindlich ist die Fassung deines Bundeslands. In Nordrhein-Westfalen steht das Versammlungsstättenrecht in der Sonderbauverordnung (SBauVO NRW).
Ab mehr als 5.000 Besucherplätzen verlangt die MVStättVO ein Sicherheitskonzept (§ 43), das du mit Bauordnungsamt, Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst abstimmst. Auch kleinere Open Airs bekommen in der Praxis Auflagen zu Rettungswegen, weil die Genehmigungsbehörde sich an der MVStättVO orientiert. Rechne damit, dass Auflagen über die Mindestwerte hinausgehen, etwa zusätzliche Ausgänge oder breitere Wege an Engstellen.
Plane deshalb immer mindestens zwei voneinander unabhängige Ausgänge, möglichst an gegenüberliegenden Seiten des Geländes. Fällt ein Ausgang durch die Gefahr selbst weg, muss der Rest die Menschen aufnehmen können.
Vom Bühnengraben bis zur öffentlichen Straße
Ein Rettungsweg endet nicht am Zaun. Er muss die Menschen auf eine sichere Fläche oder eine öffentliche Verkehrsfläche führen, die sie aufnehmen kann. Prüfe deshalb im Geländeplan den gesamten Weg:
- Besucherbereich: Gassen zwischen Bühne, FOH, Bars und Merch frei planen, nicht nur die Ausgänge.
- Ausgänge: Breite nach Formel, Lage gut verteilt, nicht in Sackgassen hinter Ständen.
- Außenbereich: Parkplätze, Shuttle-Zonen und Anwohnerstraßen dürfen den Abfluss nicht stauen.
- Feuerwehr und Rettungsdienst: Zufahrten nach der Muster-Richtlinie über Flächen für die Feuerwehr mit mindestens 3,00 m lichter Breite und 3,50 m lichter Höhe. Sie dürfen nicht gleichzeitig der Hauptabstrom des Publikums sein.
Besonders kritisch sind Bodenbeläge: Kabelbrücken, Bodenschutzplatten mit Kanten, Fahrspuren und Pfützen verlangsamen Menschen in Panik und gehören markiert oder verlegt.
Tore im Zaun: Fluchttore richtig planen
Auf den meisten Open Airs ist das Gelände eingezäunt, damit niemand ohne Ticket hineinkommt. Jeder Fluchtausgang ist deshalb ein Tor in einer Zaunlinie, und hier passieren die typischen Fehler.
- Das Tor muss in voller Breite zu öffnen sein; ein 3,60 m breites Tor, von dem nur ein Flügel aufgeht, zählt nur mit diesem Flügel.
- Fluchttore dürfen nicht abgeschlossen oder verkettet sein. Sind sie gegen Zutritt von außen gesichert, muss ein Ordner dauerhaft daneben stehen, der sie sofort öffnet.
- Torflügel aus Bauzaunfeldern brauchen eine Führung, damit sie beim Öffnen nicht kippen. Wie Zaunlinien standsicher werden, steht im Ratgeber Bauzäune bei Veranstaltungen.
- Vor und hinter dem Tor muss die volle Breite frei bleiben. Ein Getränkelager direkt hinter dem Ausgang macht das Tor nutzlos.
Kennzeichnung und Beleuchtung
Im Gedränge sieht niemand ein Schild auf Hüfthöhe. Rettungszeichen nach DIN EN ISO 7010 (grünes Notausgang-Zeichen mit Richtungspfeil) gehören hoch an Masten, Traversen oder Zaunpfosten, sodass sie über die Köpfe hinweg erkennbar sind. Kennzeichne zusätzlich den Weg zum Ausgang, nicht nur das Tor selbst.
Findet die Veranstaltung bei Dunkelheit statt, brauchen Rettungswege und Ausgänge eine Sicherheitsbeleuchtung, die bei Ausfall der Allgemeinbeleuchtung weiter funktioniert. Kläre früh mit dem Lichtgewerk, wer sie stellt und wann sie getestet wird.
Die Beschilderung ist klassische Sitecrew-Arbeit: Schilder setzen, Wege abstecken, Markierungen kontrollieren. Was eine Sitecrew dabei übernimmt und was nicht, erklärt auch der Ratgeber Was ist eine Sitecrew?.
Freihalten im Betrieb: Kontrollgänge und typische Blockaden
Ein Geländeplan, der beim Abnahmetermin stimmt, ist am Festivalsamstag um 22 Uhr oft überholt. Lege im Sicherheitskonzept fest, wer wann kontrolliert: vor dem Einlass, nach jedem Umbau, in festen Intervallen während des Betriebs und vor dem Hauptact.
Diese Dinge blockieren Fluchtwege am häufigsten:
- Getränkepaletten und Leergut hinter Bars
- abgestellte Fahrzeuge von Gewerken und Caterern
- nachträglich verlegte Kabeltrassen ohne Kabelbrücke
- Warteschlangen vor Toiletten und Food-Ständen, die sich in Wege ziehen
- Wetterschutz-Pavillons, die bei Regen spontan aufgestellt werden
- verschobene Absperrgitter nach Einlass oder Umbau
Die Verantwortung trägt der Betreiber beziehungsweise Veranstalter mit dem im Sicherheitskonzept benannten Veranstaltungsleiter. Crew vor Ort meldet Mängel und beseitigt sie nach Freigabe, sie ersetzt aber keine Freigabeentscheidung. Wie viele Leute du für diese Aufgaben brauchst, hängt von Fläche und Besucherzahl ab; Anhaltspunkte liefert der Ratgeber Wie viel Personal benötigt ein Festival?
Beispielrechnung Rettungswegbreite
So rechnest du die Mindest-Gesamtbreite der Ausgänge für eine reine Stehfläche aus:
| Besucherfläche | Besucher (2 je m²) | Open Air (1,20 m je 600) | Zum Vergleich in der Halle (1,20 m je 200) |
|---|---|---|---|
| 6.000 m² | 12.000 | 20 × 1,20 m = 24 m | 60 × 1,20 m = 72 m |
Mindestwerte nach § 7 MVStättVO; jede Einzelbreite mindestens 1,20 m. Maßgeblich sind Landesrecht und die Auflagen deiner Genehmigung.
Checkliste Fluchtwege Open Air
Tippe die Punkte an, die du schon erledigt hast.
Häufige Fragen
Nein, nicht automatisch. Die Regel gilt für Versammlungsstätten im Freien. Ein geschlossenes Zelt mit Seitenwänden ist ein Raum, aus dem Menschen sich nicht in alle Richtungen entfernen können; hier setzt die Behörde in der Regel die Bemessung für geschlossene Räume an, also 1,20 m je 200 Personen. Das Zelt selbst ist ein Fliegender Bau mit eigener Ausführungsgenehmigung, die Ausgänge vorgibt.